Ich habe neulich eine Geschichte über Nele gelesen. Sie ist mit ihrem Vater zu Fuß unterwegs, der allerdings mit großen Schritten vorangeht, um den nächsten Termin pünktlich zu erreichen. Sie kann kaum Schritt halten. Unterwegs telefoniert er auch noch. Da merkt er gar nicht, dass seine Tochter stehen bleibt, weil sie eine schöne Blume in einer Mauerritze entdeckt.
Der Vater wundert sich, warum Nele zurück bleibt. Sie zeigt ihm die Blume und der Vater nimmt sich tatsächlich Zeit, diese anzusehen und darauf zu hören, was Nele in ihr sieht. Auch er lernt das Staunen über diese Blume in der Mauerritze. Danach sieht er fröhlicher aus. Als sie beide weitergehen, zeigen sie sich den ganzen Weg entlang ge genseitig, was irgendwie besonders ist: eine Feder im Rinnstein, eine Oma mit einem tollen Lachfaltengesicht, einen Hund mit ganz zerzausten Fell und lieben Augen und eine Wolke in Form eines Schmetterlings. Zum Schluss sagt Nele: „Das war schön heute mit dir, auch wenn wir ein bisschen zu spät ge kommen sind. So einen Staun-Spaziergang sollten wir öfters machen.“
Staun-Spaziergang – diese Wortschöpfung finde ich gut! Auch ich bin oft so schnell un terwegs, dass ich das Besondere leicht übersehe. Gerade das Erntedankfest will uns aber zeigen, wie wichtig Danken und Staunen sind. Damit wir den automatischen Ablauf unseres Alltags auch mal un terbrechen und die bunte Vielfalt in unserem grauen Alltag wiederentdecken.
Im ersten Schöpfungsbericht der Bibel wird berichtet, wie Schritt für Schritt (in einer wissenschaftlich erstaunlich überwiegend richtigen Reihenfolge) alles aus Gottes Willen heraus entsteht. Zwischendurch nimmt sich Gott immer wieder Zeit, sein Werk zu betrachten, und sieht, dass es gut war. Richtig fertig ist sein Werk aber erst durch den Ruhetag. Er ist seine letzte Schöpfungstat. Ich deute das so:
Die ganze schöne Schöpfung nützt uns wenig, wenn wir uns keine Zeit nehmen, sie wahrzunehmen und zu betrachten. Erst dann können wir auch sehen, wie gut das ist, was Gott gemacht hat. Oder wir sehen, was inzwischen nicht mehr gut ist, was bewahrt werden muss. Gottes Auftrag an die Menschen war, seine Schöpfung zu bebauen, zu bepflanzen und zu bewahren. Aber um sie zu bewahren, müssen wir sie erst mal wahrnehmen und bestaunen.
Vielleicht ist so ein „Staun-Spaziergang“ auch für uns eine gute Idee: Bunte Farben, vielfältige Gesichter, Düfte und Klänge bewusst wahrnehmen und sich gegenseitig zeigen, was auffällt. Mal wieder „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen, das viele Grün, das Goldgelb der Strohballen, aber auch die anderen vielen Farben staunend wahrnehmen, die gerade der Herbst bietet. Was finden wir, was lebt? Was für Geräusche, Stimmen und Melodien hören wir? Wo finde ich etwas Neues für mich und kann sagen: „Das habe ich so noch nicht gesehen“?
Kinder können die Welt oft besonders gut staunend wahrnehmen - wie Nele. Wer aber gerade kein Kind zur oder an der Hand hat, kann ja auch den Partner, die Partnerin, ei nen Freund oder eine Freundin auf einen „Staun-Spaziergang“ mitnehmen. Denn schließlich tut es auch uns Erwachsenen gut, mal wieder ein bisschen Kind zu werden und das Staunen zu lernen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen bestaunenswerten Herbst.
